Abbildung: Szene aus „Traumhaus“| © ARD

Der weiße männliche Traum vom Glück

Im Hamburger Tatort „Traumhaus“ wollen Hanna und Friedel Hebbel sich mit ihren zwei kleinen Kindern den German Dream erfüllen: Ein Einfamilienhaus in einem idyllischen Vorort. Doch die Immobilienfirma betrügt sie um ihr Geld und ihr Haus wird nie gebaut. Familienvater Friedel verliert indes seine Arbeit. Die Ermittlungen zu dem zentralen Mordfall an einem Journalisten in diesem Tatort führen schließlich zu ihm: Friedel versuchte sich nach seiner Kündigung über ein illegales Geschäft mit Medikamenten für Tiere über Wasser zu halten. Ein Journalist aus dem kleinen Vorort wollte ihn mit seiner Reportage über die “Antibiotika-Mafia” überführen. Friedel tötet ihn daraufhin im Gerangel mit dessen eigener Pistole. Auch den Inhaber der Fake-Immobilienfirma erschießt Friedel, als er vom Schwindel erfährt.

 

Friedels Kollege, der das Geschäft mit den Medikamenten für Tiere aufgezogen hatte, nutzte ihn nur aus, wie er später von der Polizei erfährt. Jetzt ist Friedel nicht nur zweifacher Mörder und arbeitslos, er hat auch noch Tausende von Euro Schulden wegen den illegalen Machenschaften seines Kollegen. German Dream adé. Im Wahn versucht Friedel am Ende seine Kinder und seine schwangere Frau zu töten. Die Kommissare Stoever und Brockmöller sind jedoch wie immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort und retten sie. Am Ende dürfen wir den beiden Kommissaren beim unbeschwerten Angeln und Singen an der Elbe zusehen. Soweit so gut. Oder soweit so schlecht. Schauen wir uns die Genderrollen und die Funktionalisierung von People of Color, die 99,9% durch Abwesenheit glänzen, an.“

Abbildung: Szene aus „Traumhaus“| © ARD

Die Bürde des weißen deutschen Vaters

Aus der „Bürde des weißen Mannes”, wie wir sie aus der Kolonialzeit und von der sogenannten Entwicklungshilfe kennen, wird in diesem Tatort die „Bürde des weißen deutschen Vaters”, der seiner Familie ein gutes Leben bieten möchte. Dafür ermordet der (Anti-)Held des Films sogar zwei Gegenspieler. Doch es bringt alles nichts: Friedel wird gekündigt, betrogen und ausgenutzt. Ein Opfer des Systems, das nicht einmal Halt macht vor dem weißen Mann? Nicht ganz. Als der Traum vom großen Glück platzt, ist Friedel sogar bereit seine zwei kleinen Kinder zu opfern… Erst durch diesen quasi-infantiziden Akt wird die Figur Friedel aus ihrer Ambivalenz zwischen dem guten heroischen Vater, der alles für seine Familie tut, und dem boshaften Mörder enthoben. Das letzte Urteil über ihn soll schließlich negativ sein.

 

Hanna, die wenige Minuten vorher von Friedel mit der Pistole bedroht wurde, umarmt ihn zum Abschied. Auch wenn diese Zärtlichkeit absolut unverständlich erscheint, passt sie wie angegossen zu Hannas Figur: Ihre einzige Funktion im Film ist die der “Heiligen”, der dauerbesorgten, aufopferungsvollen Nur-Mutter-und-Ehefrau. Ob sie andere Interessen außerhalb ihrer Familie hat, erfahren wir nicht; sollen wir auch nicht, weil Hanna im Gegensatz zu Friedel unfehlbar und pur sein muss (sprich: eine “gute” Mutter und Ehefrau, nichts Anderes). 

 

Nur so haben wir das perfekte Opfer der Verhältnisse – nicht der patriarchalen, versteht sich, denn der Film ist in Bezug auf Genderrollen alles andere als kritisch. Hanna erfüllt das Stereotyp vom “schwachen Geschlecht”, das nicht ohne die finanzielle und emotionale Unterstützung ihres Mannes (über-)leben kann. Ein Wunder, dass sie am Ende gerettet und nicht mit in den Abgrund gezogen wird. Wollte der Autor bzw. die Tatort-Redaktion hier unbedingt ein Happy End erzählen? Dazu später mehr.

 

Die meisten der Dialogtexte von Hanna bestehen aus Fragen an ihren Mann wie “Muss ich mir jetzt Sorgen machen?”. Sie wird dadurch einseitig, passiv und ängstlich dargestellt. Den konsternierten Blick von ihr (s. Abbildung) sehen wir über ein Dutzend mal im Film, während Friedel und anderen männlichen Figuren eine weitaus größere Bandbreite an Gefühlsausdrücken erlaubt wird.

 

Als Hanna erfährt, dass ihr Friedel seinen Job verloren hat, fällt sie fast in Ohnmacht, genau wie er es geahnt hatte (“Meine Frau trifft der Schlag.”) Als wäre das nicht genug, dramatisiert die Kamera ihre Reaktion, indem sie Hanna aus der Close-Up-Kadrierung förmlich herausfallen lässt: Für einen kurzen Moment ist sie aus dem Bild verschwunden. Sie existiert im übertragenen Sinne nicht mehr. Denn ohne das Einkommen ihres Mannes Friedel ist Hannas Existens bedroht. 

 

Hier sehen wir, welche fatalen ökonomischen Konsequenzen das Nur-Mama-und-Ehefrau-Seins haben kann. Die Kritik, die der Film jedoch fährt, ist jedoch keine feministische, sondern zielt auf das Scheitern des Ehemannes an seiner Musterrolle ab. Denn Friedel ruiniert aufgrund von falschen (kriminellen) Entscheidungen sein und das Leben seiner Familie. Er konnte offenbar die „Bürde des weißen deutschen Familienvaters“ nicht tragen.

 

Den Archetypen “Hure” bzw. “Hexe”, wenn auch in einer abgeschwächten Form, erfüllen indes die wenigen anderen Frauenfiguren im Film: Die Frau des Bürgermeisters, die, durch eine diabolisierende Untersicht aufgenommen, am Fenster tatenlos beobachtet, wie ihr Mann den Journalisten (das spätere Mordopfer) in sein Auto hineinzwängt und mit ihm davonfährt; die abgebrühte ehemalige Kollegin des Journalisten, die nur abfällige Bemerkungen über ihn übrig hat; die unsympathische Bankangestellte, die durch ihre Arbeit indirekt an der Misere der Familie Hebbel und vieler anderer Betrugsopfer mitwirkte, weil ihre Bank mit der abtrünnigen Immobilienfirma kollaborierte.

People of Color: Nur als „kaputte Existenzen” oder zum Amüsieren

Alle Figuren in diesem Film sind weiß; Haupt- wie Nebenfiguren, sogar fast alle Kompars*innen. Die einzige Szene, in der wir eine Person of Color zu sehen bekommen, ist, als eine Kopftuch tragende Frau mit ihren zwei Kindern den Innenhof des Hauses überquert, in dem auch die Familie Hebbel lebt. Die Bewohner*innen des Wohnblocks werden von Friedel später im Film als „kaputte Existenzen” bezeichnet. Die Komparsin of Color und ihre Kinder werden hier funktionalisiert zur Visualisierung dessen, was im Allgemeinsprech der Mehrheitsgesellschaft als sozial-schwaches Milieu oder Ghetto bezeichnet wird. 

 

Bis zu diesem Moment wussten wir nur, dass die Hebbels sich vom Vorbeifahren der öffentlichen Verkehrsmittel gestört fühlten und Probleme mit ihren Nachbar*innen wegen ihren Kindern hatten. Um dem Ganzen einen draufzusetzen und ihre Wohnsituation wahrhaftig zu diskreditieren, entschied sich die Redaktion dieses Tatorts dafür, eine muslimische Familie als das Symbol für „kaputte Existenzen” schlechthin zu erzählen. Sie sind übrigens die einzigen Nachbar*innen, die wir zu sehen bekommen. Dieser stereotype Einsatz von nicht-weißen Körpern im Film ist nur als rassistisch lesbar.

 

Nicht-Weiße tauchen ansonsten nur in drei Dialogen der Kommissare Stoever und Brockmöller auf:

 

Beim Gerichtsmediziner erzählt Brockmöller seinem Kollegen die Geschichte von der Identifizierung eines Mörders in China mittels Fliegen. Angesichts der gezeigten hochmodernen Mordermittlungsverfahren der deutschen Kriminalpolizei erscheint die Ermittlungsmethode der chinesischen Kollegen rückständig. 

 

Während der Ermittlungen am Auto des ermordeten Journalisten macht Stoever eine sarkastische Bemerkung dazu: “Vielleicht sollten wir das mal durch ’n paar chinesische Schmeißfliegen überprüfen lassen.” Die Überlegenheit der vermeintlich besseren Methoden der deutschen Kriminalistik im Vergleich zu der chinesischen wird hier ausbuchstabiert. Der rassistische Witz soll Vertrauen in die deutsche Polizei und Respekt für sie erzeugen — schließlich arbeitet sie im Vergleich zu der chinesischen gründlich, gell?

 

„Der Kleopatra war der Wurm heilig”, sagt Brockmöller vorwurfsvoll zu Stoever, weil der sich wenig für das Angeln begeistert. Auch diese Szene offenbart einen rassistischen Grundcharakter, da Stoever den Hinweis von Brockmöller nicht ernst nimmt und sich wieder auf Kosten der „orientalischen Anderen” amüsieren möchte.

 

Kommissaren-Duo als Symbol für weiße männliche Privilegiertheit

In der letzten Szene sehen wir die Kommissare beim fröhlich-entspannten Angeln an der Elbe und bei einer kleinen Gesangseinlage: “As Time Goes By”, das berühmt wurde durch die Schwarze Figur des Sam aus “Casablanca” (“Play it Sam, Play As Time Goes By”). Die Gespräche von Stoever und Brockmöller über das Angeln und die Möglichkeit in Frührente zu gehen, ziehen sich durch den ganzen Film und zeichnen ein Bild von weißer männlicher Privilegiertheit par excellence. Sie sollen dem exzessiven Streben nach dem German Dream ein harmonisches Gegenbild vom Glück im Alter, dem Preis für jahrelange aufrichtige Arbeit, entgegenhalten.

Und so sind die wahren Helden und Gewinner des Films die beiden Kommissare: Zwei weiße alte Männer, laut derer das gesellschaftliche System ja doch nicht so schlimm sein kann — schließlich erlaubt es alten weißen Männern wie ihnen etwas Glück, solange sie sich mit den kleinen Freuden des Lebens zufrieden geben und nicht wie Friedel in die Kriminalität abrutschen.

Das grandiose Schauspiel von Ulrich Mühe in der Rolle des Friedel Hebbel ist das einzig erwähnenswert Gute an diesem Tatort. Ansonsten eignet sich die Besetzung auch hervorragend zum Studieren von blinden Flecken im Cast (keine People of Color außer der einen erwähnten Komparsin mit Kopftuch), von klischeebeladenen, unselbständigen, frustrierten Frauenfiguren und von Weißsein allgemein im deutschen Fernsehen.

#nichtmeintatort

Canan Turan 

(Leicht geänderte Fassung des Originaltextes auf www.nichtmeintatort.de. Erstveröffentlichung: 20. Juli 2020)

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